From Ivory Kitten, 10 Years ago, written in Plain Text.
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  1. Inhalt dieses Beitrags
  2. 1. Weisheit und Verantwortung
  3. 2. Die Hochbegabten und die Zukunft der Menschheit
  4. 3. Verantwortung übernehmen
  5. 4. Aufgaben für die Hochbegabten
  6. 5. Von der überragenden Intelligenz zur Weisheit
  7. 6. Die leise Stimme der Vernunft
  8. 7. 60 Millionen beherrschen die Welt
  9. 8. "Sprich per ich"
  10. 9. Der Human Capital Fund - eine realisierbare Utopie
  11. 10. Von der Verantwortung zur Förderung
  12. 11. Es fehlen hilfreiche Netzwerke für Latente Talente
  13. 12. Soft Skills entwickeln
  14. _Bibliographie
  15.  
  16.  
  17.  
  18. 1. Weisheit und Verantwortung
  19.  
  20. Lange bevor ich mit der Arbeit an diesem Buch über Hochbegabung begann, habe ich mich immer wieder gefragt, ob die menschengemachten Probleme der Gegenwart etwas mit den natürlichen Beschränkungen des Menschengehirns zu tun haben könnten. Umso erstaunter war ich, als mir zunehmend bewusst wurde, dass es offensichtlich zwei Arten von Intelligenz gibt - eben die normale und die der Hochbegabten. Könnte es sein, dass komplexere Zusammenhänge, die - wie oben beschrieben - Vernetztes Denken verlangen, nur von den Gehirnen Hochbegabter verarbeitet werden können? Diese sind zwar nur eine winzige Minderheit, bestimmen jedoch durch ihre führenden Positionen innerhalb der Eliten, was auf der Welt geschieht. Sind sie sich aber der geschilderten Zusammenhänge bewusst? Sind sie ausgebildet für deren Bewältigung?
  21.  
  22.  
  23.  
  24. 2. Die Hochbegabten und die Zukunft der Menschheit
  25.  
  26. Alles deutet darauf hin, dass bisher nur die Theoretiker, und unter diesen nur die naturwissenschaftlich Ausgebildeten, sich dieser komplexen Zusammenhänge bewusst sind. Ab und zu gelingt es einem erlauchten Kreis aus dieser Gemeinde der Wissenschaftler, in Wirtschaft und Politik Sympathisanten zu finden, und dann wird so etwas wie die Gründung des "Club of Rome" im Jahr 1968 möglich. Dessen Mitglieder vermochten es immerhin, die Öffentlichkeit und einen Teil der Eliten (die mehr Einfluss als die Gelehrten haben) aufzurütteln und auf die Probleme eines zügellosen Wachstums hinzuweisen. Aber hat das wirklich viel bewirkt?
  27.  
  28. Immerhin war und ist der Club of Rome bis heute ein sehr eindrucksvolles Beispiel für die Entstehung eines hochkarätigen Netzwerks, das sich für einen übergeordneten Zweck einsetzt.
  29.  
  30. 1968 versammelten sich außerdem über 100 renommierte Gelehrte aus der ganzen Welt und veröffentlichten in der Fachzeitschrift Science eine Prognose, die ihrem geballten Fachwissen entstammte: Danach wäre im Jahr 2050, also drei Generationen später, ein Punkt erreicht, an dem die Welt unheilbare (irreversible) Schäden erlitten hat - falls man nicht durch gewaltige Anstrengungen wichtige Parameter zum Positiven hin verändert, allen voran das Wachstum der Weltbevölkerung.
  31.  
  32. Seither ist mehr als eine Generation vergangen und noch viel zu wenig geschehen. Vielleicht müsste man anders an diese Probleme herangehen als nur mit Publikationen in der Fachpresse und einem Klub, der sich ab und zu trifft, um die großen Fragen der Menschheit zu diskutieren.
  33.  
  34.  
  35.  
  36. 3. Verantwortung übernehmen
  37.  
  38. Wenn ich Berichte über die amerikanische Raumfahrt lese, wünsche ich mir, es würde sich ein neues Netzwerk bilden, das ähnlich eindrucksvoll wie die NASA in den 60er-Jahren die Elite des Landes, nein, der ganzen Welt zusammenführt, um endlich die anstehenden Probleme zu lösen. Nicht, um für 300 Milliarden Dollar zum Mars zu fliegen, sondern um die Kriege und kriegsähnlichen Auseinandersetzungen zu beenden, die von (hochbegabten) Soziopathen immer wieder angefacht werden und immer wieder aufs Neue Millionen von Menschen traumatisieren.
  39.  
  40. Der daidalische Traum von der Eroberung des Weltraums ist sicher wichtig - solche technischen Visionen braucht die Menschheit wahrscheinlich als übergeordnete Ziele außerhalb ihres engen Dunstkreises des Alltagskleinkrams. Aber ich bezweifle, dass diese gigantischen Investitionen, die riesige Geldsummen und unzählige Menschen mit überragenden Fähigkeiten für lange Zeit binden, wirklich das geeignete Mittel sind, die anstehenden Probleme der Menschheit zu lösen.
  41.  
  42. Für mich befindet sich der Mars (nämlich der real wütende Kriegsgott) zunächst einmal hier auf der Erde - und hier muss er gezähmt werden. Mich fasziniert jedoch ein anderes Projekt inzwischen viel mehr, das ich als "Innerer Mars" bezeichnen möchte: Die Welt in unserem eigenen Inneren, die Sigmund Freud zugänglich gemacht hat, ist wie ein innerer Planet, der den meisten Menschen mindestens so fremd und fern und unerforscht ist wie der Rote Planet draußen im Weltraum.
  43. (Seltsame Koinzidenz, dass der Mars, während ich dieses Buch schrieb, der Erde so nah war wie seit rund 60 000 Jahren nicht mehr und als hellstes Objekt am nächtlichen Himmel rötlich strahlte.)
  44.  
  45.  
  46.  
  47. 4. Aufgaben für die Hochbegabten
  48.  
  49. Ich denke nicht, dass die Lösung dieses Dilemmas des "entfesselten Prometheus" und der modernen Technik so aussieht, dass man nicht mehr zum Mars fliegt. Wir können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen oder nur noch nach innen schauen. Es geht um das "Sowohl - als auch": Beide Ziele haben ihre Berechtigung, sind Herausforderungen gerade für die Hochbegabten, welche die Avantgarde der Menschheit darstellen:
  50.  
  51. ° das Draußen im Universum (was für alle menschlichen Bemühungen stehen soll, sich "die Erde untertan" zu machen)
  52. ° wie auch das Innere Universum des Bewusstseins und des Unbewussten.
  53.  
  54. Aber so wie die Welt heute aussieht, habe ich den Eindruck, dass die Welteroberer massiv die Oberhand haben - dass die Daidaliden fliegen und fliegen - und nicht bemerken, dass Ikaros abstürzt.
  55.  
  56. (Man sollte sich in diesem Zusammenhang auch an das erinnern, was Platon schon vor über zwei Jahrtausenden in seinem Dialog Timaios über das Verhängnis der Herrschenden kundtat, als er den sagenhaften Kontinent Atlantis im Meer versinken ließ - als Strafe der Götter über die Hybris dieser Menschen.)
  57.  
  58.  
  59.  
  60. 5. Von der überragenden Intelligenz zur Weisheit
  61.  
  62. Heinz Kohut, einer der kreativsten Schüler Freuds, hat sich mit einem Bereich der menschlichen Persönlichkeit befasst, der mindestens so bestimmend ist wie Sexualität und Aggression: den auf das eigene Selbst gerichteten (= narzisstischen) Antrieben. Im Schlussteil seiner Studie Narzissmus nennt er zwei Kennzeichen für eine gelungene Psychoanalyse: die geglückte Gestaltung und Transformation der narzisstischen Regungen zu Humor und Weisheit.
  63.  
  64. Es ist letztlich nicht die intellektuelle Brillanz, welche den Menschen auszeichnet und gerade die Hochbegabten zu unglaublichen Leistung anspornt - es ist die Weisheit, zu der die geistige Kapazität sich wandeln sollte. Bei vielen "Masterminds" und "Eggheads" (wie die Amerikaner ihre Spitzenwissenschaftler gerne nennen) hat man allerdings den Eindruck, dass sie erst einmal eine - sehr lange - Psychotherapie machen müssten, um dorthin zu gelangen. Wie sonst hätte ein Höchstbegabter vom Rang Edward Tellers, "Vater der Wasserstoffbombe" und eifrigster Befürworter der Aufrüstung mit Abwehrraketen ("Krieg der Sterne" genannt) sinngemäß sagen können: Alles, was man sich als Forscher ausdenken kann, sollte man auch realisieren.
  65.  
  66. Wenn sich ein sadistischer Massenmörder vor Gericht so äußert, sperrt man ihn lebenslänglich in eine Nervenheilanstalt. Für verantwortungslose Wissenschaftler sollte das Gleiche gelten. Wenn man Tellers Vorgeschichte kennt und in Betracht zieht, dass er von seiner Kindheit in Ungarn an als Jude verfolgt und vielfach traumatisiert wurde, versteht man zwar sein Bedürfnis, durch seine Waffenforschung zur Sicherheit seiner Wahlheimat und Zuflucht USA (und damit zu seiner eigenen Sicherheit) beizutragen, aber das berechtigt ihn nicht dazu, jede ethische Selbstbeschränkung des Wissenschaftlers und die kritische Kontrolle durch nicht so rabiate Kollegen abzulehnen.
  67.  
  68.  
  69.  
  70. 6. Die leise Stimme der Vernunft
  71.  
  72. Sigmund Freud hatte da eine ganz andere Weltsicht. Neben seinen vielen tiefenpsychologischen und therapeutischen Schriften hat er auch zwei Bücher veröffentlicht, in denen er sich Gedanken über den Zustand und die Zukunft der Menschheit machte - Bücher, die heute sogar noch lesenswerter sind, als sie es zu ihrer Zeit waren. 1930 schrieb er am Schluss von Das Unbehagen in der Kultur:
  73.  
  74. "Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentfaltung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. [...] Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit ihrer Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten, dass die andere der beiden ›himmlischen Mächte‹, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso un- sterblichen Gegner zu behaupten. Aber wer kann den Erfolg und Ausgang voraussehen?" (1930, S. 506)
  75.  
  76. Für mich ist beeindruckend, wie dieser weise, aber sehr pessimistische Mann drei Jahre zuvor in Die Zukunft einer Illusion selbst die Antwort für die Lösung dieses Dilemmas gab:
  77.  
  78. "Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und Recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf ..." (1927, S. 377)
  79.  
  80. Es ist diese leise Stimme der Vernunft, auf die Freud seine Hoffnung setzt. Gewiss, Normalbegabte verhalten sich oft viel vernünftiger als manches Genie. Weisheit ist offensichtlich eine Errungenschaft, deren Wurzeln tiefer im Menschentum zu sitzen scheint als die Intelligenz. Ob man im Griechenland der Antike der Weisheit deshalb eine weibliche Gottheit zuordnete: Sophia?
  81.  
  82. Aber es ist wohl auch kein Zufall, dass man Weisheit mit bedeutenden Menschen verbindet und nicht mit einfachen Leuten. Man spricht von "Nathan, dem Weisen" und vom "weisen Salomo" oder überliefert von Theseus, er sei ein "weiser König" gewesen. Wer an den Schalthebeln der Macht sitzt oder - wie Lessings gelehrter Rabbiner Nathan - geistige Macht ausübt und außerdem noch die Gabe der Weisheit erworben hat, der kann mit seinem schneller und komplexer arbeitenden Hochbegabtengehirn mehr ausrichten als viele Normalbegabte, und seien sie noch so weise.
  83.  
  84. Jedenfalls darf man zuallererst von Hochbegabten erwarten, dass sie sich, wenn schon (noch) nicht weise, so doch wenigstens vernünftig im Freud'schen Sinne verhalten. Dass sie nicht nur vernetzt denken, sondern auch vernetzend handeln.
  85. Die Hochbegabten haben nicht nur das Gehirn und - in der Regel - die nötige Bildung, sondern auch die sozialen Verbindungen ihrer Netzwerke und die materiellen Mittel, um ganz anders wirken zu können als noch so viele normalbegabte Menschen zusammen, denen diese Voraussetzungen fehlen. Das macht die Hochbegabten so wichtig - aber auch so gefährlich.
  86.  
  87.  
  88.  
  89. 7. 60 Millionen beherrschen die Welt
  90.  
  91. Die geistigen Werkzeuge sind heute ebenfalls verfügbar, mit denen man eines der größten Probleme der Welt lösen könnte: die schreckliche Unfähigkeit auch vieler Hochbegabter an den Schalthebeln der Macht, tragfähige Kompromisse auszuhandeln. Diese Werkzeuge müssten eigentlich nur angewendet werden. Es geht dabei nicht bloß um die Vernunft und ihren Einsatz - es geht auch um die Verantwortung, die übernommen werden muss.
  92.  
  93. Es sind ja nicht nur die gewissenlosen Soziopathen vom Schlage Adolf Hitlers, die ganze Völker aus eigensüchtigen Zwecken manipulieren, es sind auch die Topmanager der großen Unternehmen, die führenden Politiker und die hochbegabten Angehörigen vieler anderer Berufe, die ihr eigenes Wohl und allenfalls noch das ihrer Familie, ihres Clans in den Mittelpunkt stellen. Sie mögen nicht so verheerend brutal handeln, aber egoistisch handeln sie meistens, wenn sie ihre Netzwerke zur Sicherung der eigenen Position ausbauen, ihre manipulatorischen Fäden durch ganze Staatswesen ziehen und sich in großen Unternehmen durch wechselseitige Absprachen und Verträge gigantische Einkommen, Prämien und Abfindungen sichern, die auf Kosten der Aktionäre und Mitarbeiter gehen.
  94.  
  95. Wenn drei Prozent der Menschheit hochbegabt sind, wie die Statistik der Normalverteilung und die Intelligenzforschung nahe legen, dann heißt das, dass es bei sechs Milliarden Menschen weltweit rund 180 Millionen Hochbegabte gibt. Davon sind nach meiner einleitend vorgestellten Einschätzung
  96.  
  97. ° ein Drittel (60 Millionen) vermutlich erfolgreiche Spitzenkräfte,
  98. ° ein zweites Drittel eher gebremste, aber gut angepasste La- tente
  99. ° und ein letztes Drittel blockierte Underachiever, die mit ihren Talenten wenig oder gar nichts anfangen.
  100.  
  101. Unsere Welt wäre meines Erachtens in einem anderen Zustand, als sie heute ist, wenn die 60 Millionen erfolgreichen Talente, die sie kontrollieren, mehr ans Wohl der gesamten Menschheit als nur an ihr eigenes denken würden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würden sie sich selbst auch wohler fühlen und ihre Existenz sinnvoller erleben, wenn sie das begreifen und verwirklichen würden. Es erscheint mir höchste Zeit, das die anderen 120 Millionen das endlich begreifen und ihre eigenen Energien und Talente entwickeln, um besser als Regulativ zu wirken.
  102.  
  103.  
  104.  
  105. 8. "Sprich per ich"
  106.  
  107. Während meiner Ausbildung in ThemenZentrierter Interaktion (TZI) habe ich von Ruth C. Cohn einen Satz verinnerlicht, der so etwas wie eine Grundregel der TZI ist:
  108.  
  109. "Sprich per ich, wenn du dich in einer Gruppe äußerst."
  110.  
  111. Was für ein Segen wäre es, wenn nicht nur die Wissenschaftler in ihren Veröffentlichungen, sondern auch die Politiker und alle anderen Repräsentanten der Eliten ihre Reden und Verlautbarungen in diesem Geist formulieren würden, indem sie sagen: "Ich sehe das so und so ..." Dann würde man leichter ihre persönlichen Beweggründe erkennen (die sie meist hinter einem gesichtslosen "wir" oder "man" verstecken) und könnte sich entsprechend verhalten oder zur Wehr setzen.
  112.  
  113. Ruth C. Cohn hat diese Regel eingeführt, weil sie will, dass der Mensch, der sich da im Verlauf eines Gesprächs in einer Arbeitsgruppe äußert, Verantwortung für das Geäußerte übernimmt. Und genau darum geht es: um das Übernehmen von Verantwortung.
  114.  
  115.  
  116.  
  117. 9. Der Human Capital Fund - eine realisierbare Utopie
  118.  
  119. Verantwortung besteht, wie ich meine, auch innerhalb der Gesamtheit der Hochbegabten mit ihren drei Untertypen. Die erfolgreichen Überflieger mit ihren enormen materiellen Möglichkeiten und weit überdurchschnittlichem Einkommen haben eine sehr wichtige Funktion als Mentoren und Starthelfer für die weniger erfolgreichen Latenten und insbesondere die blockierten Underachiever. Vor allem Letztere haben sich dieses Schicksal ja nicht freiwillig ausgesucht, sondern sind nicht selten schon als Kinder durch Verständnislosigkeit der Erwachsenen für ihre besondere Situation zum Opfer von intellektuellen und emotionalen Einschränkungen geworden. Oder sie wurden dadurch sogar in Elternhaus und Schule regelrecht traumatisiert.
  120.  
  121. Mehr hierzu unter HUMAN CAPITAL FUND
  122.  
  123.  
  124.  
  125. 10. Von der Verantwortung zur Förderung
  126.  
  127. Es gibt bereits imponierende Netzwerke, in denen Hochbegabte sich mit ihresgleichen zusammengeschlossen haben, um die Welt in ihrem Sinn zu verändern. Die internationale "Gemeinde der Wissenschaftler" ist so ein geistiges und soziokulturelles Gebilde. Auch die Unternehmer haben ihre Zusammenschlüsse und die Politiker ebenfalls - wenn auch nicht in diesem umfassenden Sinne wie die Gelehrten. Aber diese Netzwerke sind nur den sehr erfolgreichen Talenten zugänglich und fördern sie immer wieder neu in einer positiven Rückkopplung der Besten für die Besten. Was nötig ist, sind neuartige Förder-Netzwerke, die sich nicht der bereits privilegierten Talente annehmen, sondern die den Latenten und Underachievern eine Chance geben, sich zu entfalten. Dies dürfen keine kurzfristigen Angebote sein, weil schlechte Kindheitserfahrungen und Traumatisierungen erfahrungsgemäß eine lange Zeit der Heilung benötigen.
  128.  
  129. Ich möchte mit einer persönlichen Erfahrung zeigen, wie so etwas aussehen könnte. Ich bin als Jugendlicher allmählich in die Science-Fiction-Szene hineingewachsen. Dort war ich nicht mehr der Außenseiter, der "solchen Schund" las (wie Eltern und Lehrer meinten), sondern war als Gleicher unter Gleichen auch von den älteren Erwachsenen akzeptiert. Dort wurden meine Kurzgeschichten gelesen und wurde mein Schreiben gefördert. Ich lernte etablierte Autoren persönlich kennen, bekam viele Anregungen und fand hilfreiche Mentoren. Besonders eindrucksvoll war für mich, dass ich später in anderen Ländern bei Science-Fiction-Fans anklopfen konnte und gerne aufgenommen wurde. Nach dem Abitur 1959 war ich in England und habe genau dies erlebt, obwohl man auf der Insel, beim früheren Kriegsgegner, in jenen Jahren vielfach noch sehr reserviert, ja feindlich den Deutschen gegenüber gesinnt war.
  130.  
  131.  
  132.  
  133. 11. Es fehlen hilfreiche Netzwerke für Latente Talente
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  135. Was fehlt, ist ein Netzwerk dieser Art, in das Hochbegabte schon als Kinder eintreten können. Wo man sie ermutigt und fördert, wo sie allmählich auch Verantwortung für ihr Denken und Tun lernen und übernehmen können. Wo sie nach einiger Zeit, sogar schon als Jugendliche, zu Mentoren für die Jüngeren werden können. So wie die Erwachsenen ihrerseits Mentoren für die Jugendlichen sind - und lebenserprobte Senioren für die Erwachsenen mittleren Alters.
  136.  
  137. Es gibt ein ähnliches Modell in der Geschäftswelt, das sehr gut funktioniert: Die "Business Angels". Das sind (sehr wohlhabende) Investoren, die nicht nur ihr Geld in Start-up-Unternehmen von jungen Hochbegabten stecken, sondern dazu ihr Know-how, ihre Kontakte und ihre Lebenserfahrung zur Verfügung stellen. Sie tun dies fraglos im eigenen Interesse, denn sie wollen ja ihre Investitionen mit möglichst großem Gewinn irgendwann realisieren. Aber sie haben offensichtlich auch Freude daran, dass ihr Wissen und ihre Erfahrung (ihre Weisheit?) geschätzt wird und Früchte jenseits der rein materiellen Ergebnisse trägt. Für die jungen Unternehmer wiederum zählt solche Förderung und Ermutigung (vor allem bei den nicht ausbleibenden Rückschlägen) mindestens so viel wie einige Millionen Euro.
  138.  
  139. Auf nationaler Ebene gibt es die "Studienstiftung des deutschen Volkes", welche hochbegabte Studenten vorbildlich fördert. Aber das ist auch schon alles - und auch hier wird am Anfang äußerst streng gesiebt und es zählt, wie in jeder Schule, letztlich nur der sichtbare Erfolg.
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  141.  
  142.  
  143. 12. Soft Skills entwickeln
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  145. Wo lernt man, vernetzt zu denken und vernetzend zu handeln? Wie lernt man, Verantwortung zu übernehmen? Von wem lernt man, weise zu werden?
  146. Sicher nicht in der Schule und schon gar nicht auf einer Universität oder später im Beruf. Soft Skills sind, allen Beteuerungen von schlauen Büchern und teuren Managementseminaren zum Trotz, nicht gefragt in einer Welt, die eher von militärisch-strategischem Denken als von Menschlichkeit bestimmt wird. Gerade deswegen sollten Hochbegabte nicht nur an ihren Erfolg in Arbeit und Beruf denken. Sobald sie einigermaßen etabliert sind, sollten sie einen Teil ihrer freien Kapazitäten auf andere Bereiche ausdehnen, in denen Persönlichkeitsentfaltung und geistiges Wachstum nötig sind:
  147.  
  148. ° in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen,
  149. ° bei der Erkundung ihrer eigenen Persönlichkeit
  150. ° und bei transpersonalen Themen (womit ich alles meine, was über den eigenen Tellerrand und den des nächsten persönlichen Umfelds hinausreicht - zum Beispiel das Ganze der Menschheit).
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  154. Bibliographie
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  156. Scheidt, Jürgen vom: Das Drama der Hochbegabten. (2003) München Okt 2005 (Piper TB)