From Stained Zebra, 10 Years ago, written in Plain Text.
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  1. Vielen Dank an die Rosa Luxemburg Stiftung, die sich so
  2. unbürokratisch und schnell bereit erklärt hat, zusammen
  3. mit der Wau Holland Stiftung diese Veranstaltung zu
  4. organisieren.
  5.  
  6. Das freut mich umso mehr, weil ich glaube, dass sich auch
  7. Wau Holland und Rosa Luxemburg gut verstanden hätten,
  8. denn sie teilen ein wirklich starkes Ideal: das der Freiheit.
  9.  
  10. Wenn ich hier von Freiheit und Verantwortung spreche,
  11. dann meine ich nicht diese weichgespülte Version, mit der
  12. wir präsidial bevormundet werden, weil sie das Primat der
  13. Freiheit über den Sachzwang in Frage stellt. Ich rede von
  14. der Hard-Core Variante von Freiheit, wie ich sie durch
  15. Wau kennen lernen durfte:
  16. Unverhandelbar, unteilbar, unbegrenzt und unerbittlich.
  17. Und für manche, die ihm begegnet sind – selbst Hacker –
  18. auch schon mal unerträglich.
  19.  
  20. Besonders für diejenigen, die Freiheit – und ich meine hier
  21. die „Freiheit der Andersdenkenden“ im Sinne von Rosa
  22. Luxemburg – nur noch als Bedrohung für sich selbst und
  23. nicht mehr als Chance für die Gesellschaft sehen konnten.
  24.  
  25. Aber Freiheit braucht auch Frei-Räume und am besten
  26. gedeiht sie dort, wo sie zuerst einmal keiner bemerkt.
  27. So wie in den Datennetzen der frühen 80'er Jahre, in denen
  28. sich die Datenreisenden, wie wir uns selbst nannten,
  29. ungehemmt herum treiben konnten, um aus purer Neuund
  30. Wissbegier die Welt der fremden Rechner zu
  31. zerforschen.
  32.  
  33. In dieser embryonalen Phase des Internets waren die
  34. Datennetze weitgehend offen, unreguliert und vor allem
  35. unbekannt: weil nur wenige Menschen wussten, das es sie
  36. überhaupt gibt, konnte der Kapitalismus sie noch nicht als
  37. Markt wahrnehmen und die Politiker und Richter waren
  38. ahnungslos – und damit meine ich: noch ahnungsloser als
  39. heute.
  40.  
  41. Aber Freiheit ohne moralische Leitplanke kann nicht
  42. funktionieren. „To live outside the law you have to be
  43. honest“, heißt es in einem Lied von Bob Dylan.
  44.  
  45. Wahrscheinlich war deshalb – speziell auch für Wau – die
  46. geschriebene und ungeschriebene Hackerethik so wichtig.
  47. Sie war der Versuch, die Spielregeln unseres Handelns im
  48. Datennetz festzulegen – unabhängig davon, ob das auch
  49. erlaubt war, sofern es überhaupt ein passendes Gesetz gab.
  50.  
  51. Wichtig war vor allem, dass das Handeln den Idealen der
  52. Informationsfreiheit, der Kommunikationsfreiheit und der
  53. informationellen Selbstbestimmung folgte. Wenn das auch
  54. noch Spass machte, umso besser.
  55.  
  56. Aber es es sollten auch Grenzen der Neugier aufgezeigt
  57. werden: „Hände weg von militärischen Computern“ und
  58. „Spiele nicht mit den Geheimdiensten“ waren zwei dieser
  59. ungeschrieben Gesetze.
  60.  
  61. Das hatte seinen guten Grund: das Militär als auch die
  62. Geheimdienste waren – neben dem akademischwissenschaftlichen
  63. Bereich und wenigen großen Firmen –
  64. die eigentlichen Akteure in den frühen Datennetzen.
  65.  
  66. Da war jeder Quereinsteiger – und das waren wir als
  67. Datenreisende ja im wahrsten Sinne des Worte – entweder
  68. ein potentieller Feind oder ein potentieller Mitarbeiter.
  69.  
  70. Gerade Geheimdienste haben früh erkannt, dass sich
  71. Hacker Fertigkeiten und Wissen angeeignet hatten, das sie
  72. selbst nicht besaßen, aber gut gebrauchen konnten.
  73. Anwerbeversuche waren nicht unüblich, aber außer an den
  74. Rändern des Chaos wohl eher erfolglos, weil unsere offene
  75. Ablehnung der Schlapphüte ausreichend abschreckend
  76. wirkte. Was nicht heißt, dass es keine Hacker gab, die mit
  77. der dunklen Seite der Macht zumindest kooperierten.
  78.  
  79. Was passiert, wenn sich Hacker – aus welch gutgemeinten
  80. Gründen auch immer – auf das Spiel mit den
  81. Geheimdiensten einlassen, davon soll heute Abend die
  82. Rede sein. Tatsächlich endet dieses Spiel selten zu
  83. Gunsten des Hackers und Karl Koch hat es heute vor 25
  84. Jahren mit seinem Leben bezahlt.
  85.  
  86. Als Einführung werden wir uns jetzt zusammen eine
  87. verkürzte Fassung des Spielfilms „23 – nichts ist so wie es
  88. scheint“ ansehen, bevor wir in der Podiumsdiskussion die
  89. damaligen Vorgänge und Zusammenhänge noch mal aus
  90. heutiger Sicht betrachten wollen.
  91.  
  92. Aber auch der Bezug zur Jetzt-Zeit soll nicht fehlen, weil
  93. auch jemand wie Edward Snowden ein Hacker ist, der aus
  94. Überzeugung für Geheimdienste gearbeitet hat und erst
  95. später seinem Gewissen folgte und die Informationen
  96. offenlegte, die uns seit einem Jahr so beschäftigen...