- Vielen Dank an die Rosa Luxemburg Stiftung, die sich so
- unbürokratisch und schnell bereit erklärt hat, zusammen
- mit der Wau Holland Stiftung diese Veranstaltung zu
- organisieren.
- Das freut mich umso mehr, weil ich glaube, dass sich auch
- Wau Holland und Rosa Luxemburg gut verstanden hätten,
- denn sie teilen ein wirklich starkes Ideal: das der Freiheit.
- Wenn ich hier von Freiheit und Verantwortung spreche,
- dann meine ich nicht diese weichgespülte Version, mit der
- wir präsidial bevormundet werden, weil sie das Primat der
- Freiheit über den Sachzwang in Frage stellt. Ich rede von
- der Hard-Core Variante von Freiheit, wie ich sie durch
- Wau kennen lernen durfte:
- Unverhandelbar, unteilbar, unbegrenzt und unerbittlich.
- Und für manche, die ihm begegnet sind – selbst Hacker –
- auch schon mal unerträglich.
- Besonders für diejenigen, die Freiheit – und ich meine hier
- die „Freiheit der Andersdenkenden“ im Sinne von Rosa
- Luxemburg – nur noch als Bedrohung für sich selbst und
- nicht mehr als Chance für die Gesellschaft sehen konnten.
- Aber Freiheit braucht auch Frei-Räume und am besten
- gedeiht sie dort, wo sie zuerst einmal keiner bemerkt.
- So wie in den Datennetzen der frühen 80'er Jahre, in denen
- sich die Datenreisenden, wie wir uns selbst nannten,
- ungehemmt herum treiben konnten, um aus purer Neuund
- Wissbegier die Welt der fremden Rechner zu
- zerforschen.
- In dieser embryonalen Phase des Internets waren die
- Datennetze weitgehend offen, unreguliert und vor allem
- unbekannt: weil nur wenige Menschen wussten, das es sie
- überhaupt gibt, konnte der Kapitalismus sie noch nicht als
- Markt wahrnehmen und die Politiker und Richter waren
- ahnungslos – und damit meine ich: noch ahnungsloser als
- heute.
- Aber Freiheit ohne moralische Leitplanke kann nicht
- funktionieren. „To live outside the law you have to be
- honest“, heißt es in einem Lied von Bob Dylan.
- Wahrscheinlich war deshalb – speziell auch für Wau – die
- geschriebene und ungeschriebene Hackerethik so wichtig.
- Sie war der Versuch, die Spielregeln unseres Handelns im
- Datennetz festzulegen – unabhängig davon, ob das auch
- erlaubt war, sofern es überhaupt ein passendes Gesetz gab.
- Wichtig war vor allem, dass das Handeln den Idealen der
- Informationsfreiheit, der Kommunikationsfreiheit und der
- informationellen Selbstbestimmung folgte. Wenn das auch
- noch Spass machte, umso besser.
- Aber es es sollten auch Grenzen der Neugier aufgezeigt
- werden: „Hände weg von militärischen Computern“ und
- „Spiele nicht mit den Geheimdiensten“ waren zwei dieser
- ungeschrieben Gesetze.
- Das hatte seinen guten Grund: das Militär als auch die
- Geheimdienste waren – neben dem akademischwissenschaftlichen
- Bereich und wenigen großen Firmen –
- die eigentlichen Akteure in den frühen Datennetzen.
- Da war jeder Quereinsteiger – und das waren wir als
- Datenreisende ja im wahrsten Sinne des Worte – entweder
- ein potentieller Feind oder ein potentieller Mitarbeiter.
- Gerade Geheimdienste haben früh erkannt, dass sich
- Hacker Fertigkeiten und Wissen angeeignet hatten, das sie
- selbst nicht besaßen, aber gut gebrauchen konnten.
- Anwerbeversuche waren nicht unüblich, aber außer an den
- Rändern des Chaos wohl eher erfolglos, weil unsere offene
- Ablehnung der Schlapphüte ausreichend abschreckend
- wirkte. Was nicht heißt, dass es keine Hacker gab, die mit
- der dunklen Seite der Macht zumindest kooperierten.
- Was passiert, wenn sich Hacker – aus welch gutgemeinten
- Gründen auch immer – auf das Spiel mit den
- Geheimdiensten einlassen, davon soll heute Abend die
- Rede sein. Tatsächlich endet dieses Spiel selten zu
- Gunsten des Hackers und Karl Koch hat es heute vor 25
- Jahren mit seinem Leben bezahlt.
- Als Einführung werden wir uns jetzt zusammen eine
- verkürzte Fassung des Spielfilms „23 – nichts ist so wie es
- scheint“ ansehen, bevor wir in der Podiumsdiskussion die
- damaligen Vorgänge und Zusammenhänge noch mal aus
- heutiger Sicht betrachten wollen.
- Aber auch der Bezug zur Jetzt-Zeit soll nicht fehlen, weil
- auch jemand wie Edward Snowden ein Hacker ist, der aus
- Überzeugung für Geheimdienste gearbeitet hat und erst
- später seinem Gewissen folgte und die Informationen
- offenlegte, die uns seit einem Jahr so beschäftigen...
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